Freiwilliges Engagement ist ein wichtiger Pfeiler des gesellschaftlichen Zusammenhalts und ergänzt staatliche und professionelle Angebote der sozialen Sicherheit. Doch die Freiwilligenarbeit verändert sich: Engagement wird flexibler und kurzfristiger. Was bedeutet dieser Wandel für unser soziales Netz? Und welche Rolle kommt dabei dem Staat zu? Das Luzerner Forum hat bei Carole Lehmann, Geschäftsführerin von benevol Luzern, nachgefragt.
Welche Bedeutung hat freiwilliges Engagement für die soziale Sicherheit in der Schweiz?
Freiwilligenarbeit ist ein wichtiger Teil unserer sozialen Infrastruktur: Sie ergänzt dort, wo professionelle und staatliche Leistungen alleine nicht ausreichen. Etwa in der Betreuung älterer oder pflegebedürftiger Menschen, in der Integration, Nachbarschaftshilfe oder im Vereinsleben. Freiwilligenarbeit kommt dabei nicht nur den Unterstützten zugute. Sie ermöglicht auch für die engagierten Personen Teilhabe, stärkt den Erwerb neuer Kompetenzen und fördert soziale Beziehungen.
Auf gesellschaftlicher Ebene entsteht noch ein weiterer wichtiger Effekt: In freiwilligen Engagements begegnen sich oft Menschen unterschiedlicher Generationen, Lebenswelten oder Herkünfte. Dies fördert die Solidarität, das Verständnis und die Stabilität der gesamten Gemeinschaft.
Was bedeutet der Wandel hin zu flexibleren und zeitlich begrenzten Engagements für unser soziales Netz?
Die Bereitschaft, sich freiwillig zu engagieren, nimmt zum Glück nicht grundsätzlich ab. Menschen wollen sich weiterhin einbringen, einfach anders als bisher. Dieser Strukturwandel begünstigt, dass bestehende Angebote weiterentwickelt, neue Zielgruppen angesprochen und Zugänge erleichtert werden.
Gleichzeitig wird es anspruchsvoller, die notwendige Kontinuität, Qualität und Verbindlichkeit sicherzustellen. Damit das gesellschaftliche Engagement auch in Zukunft attraktiv und wirkungsvoll bleibt, sind daher nicht nur Organisationen und Vereine gefordert, sondern auch die Politik, Wirtschaft und öffentliche Hand.
Wo liegt die Grenze zwischen freiwilligem Engagement und Aufgaben, für die der Staat oder professionelle Leistungserbringer verantwortlich sind?
Die Grenze lässt sich nicht trennscharf ziehen. Grundsätzlich gilt: Freiwilligeneinsätze sind als Ergänzung und nicht als Ersatz von professionellen oder staatlichen Aufgaben zu verstehen. Eine hilfreiche Leitfrage ist: Was passiert, wenn eine freiwillige Person morgen ausfällt? Wenn dadurch eine notwendige Versorgung, Sicherheit oder gesetzlich geschuldete Leistungen nicht gewährleistet sind, ist es keine geeignete Aufgabe im Rahmen eines freiwilligen Einsatzes.
Freiwillige tragen massgeblich zur Wirkungsverstärkung von bereits finanzierten Angeboten bei – durch geschenkte Zeit, persönliche Beziehungen und soziale Begleitung. Eine klar definierte Abgrenzung schützt dabei beide Seiten: Sie bewahrt Betroffene vor Qualitätsrisiken und Freiwillige vor Überforderung und Überlastung.
Muss freiwilliges Engagement stärker durch den Staat gefördert werden?
Ja. Und zwar nicht im Sinne einer Steuerung, sondern in Form einer Unterstützung und Förderung der Freiwilligenarbeit als wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft. Dabei geht es primär darum, gute Rahmenbedingungen zu schaffen: Gesetzliche Grundlagen, Wertschätzung und finanzielle Mittel.
Denn Freiwilligenarbeit ist längst kein Selbstläufer mehr. Organisationen, Vereine und Gemeinden sind auf Strukturen angewiesen, die ihnen Zugang zu Fachwissen, Grundlagendokumente und Vernetzung ermöglichen sowie Innovation und Weiterentwicklung orchestrieren. Wir können es uns nicht leisten, dass alle Akteure ihren Weg durch den Dschungel einzeln suchen müssen – so werden die wertvollen Ressourcen unnötig verschwendet.