Psychische Erkrankungen gehören heute zu den häufigsten Gründen für eine Anmeldung bei der Invalidenversicherung. Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an Prävention, Früherkennung und berufliche Eingliederung zu. Welche Entwicklungen prägen die aktuelle Situation, wo liegen die grössten Herausforderungen und was braucht es, damit möglichst viele Menschen im Arbeitsmarkt bleiben oder wieder Fuss fassen können? Wir haben bei Esther Wüest von der IV-Stelle Luzern nachgefragt.
Warum stellen psychische Erkrankungen die Invalidenversicherung vor neue Herausforderungen?
Psychische Erkrankungen stellen die Invalidenversicherung (IV) zunehmend vor Herausforderungen. Die Zahl der Anmeldungen steigt, insbesondere bei jungen Erwachsenen. Gleichzeitig ist die berufliche Wiedereingliederung oft anspruchsvoll, da psychische Erkrankungen meist nicht sichtbar sind, ihre Verläufe jedoch häufig schwanken und schwer vorhersehbar sind.
Zudem steigen die Anforderungen des Arbeitsmarkts an Flexibilität, Belastbarkeit und Tempo. Dies erschwert die Integration von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zusätzlich.
Umso wichtiger sind Offenheit, individuelle Lösungen, Geduld und eine enge Zusammenarbeit zwischen IV, Arbeitgebenden und allen weiteren Beteiligten.
Welche Faktoren entscheiden darüber, ob eine berufliche Eingliederung gelingt?
Der wichtigste Erfolgsfaktor ist das frühzeitige Handeln. Verhaltensveränderungen sollten ernst genommen, angesprochen und bei Bedarf mit Unterstützung von Fachpersonen, beispielsweise der IV, angegangen werden.
Für eine erfolgreiche berufliche Eingliederung sind zudem der Gesundheitszustand und die Stabilität der Situation, die Motivation der betroffenen Person, ihre Qualifikation sowie die Unterstützung durch Arbeitgebende, Ärztinnen und Ärzte und weitere Fachpersonen entscheidend.
Eingliederung gelingt dann am besten, wenn alle Beteiligten koordiniert zusammenarbeiten und ein gemeinsames Ziel verfolgen.
Welche Rolle spielen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber im Eingliederungsprozess?
Arbeitgebende spielen eine Schlüsselrolle bei der Eingliederung, denn diese findet letztlich auf dem Arbeitsmarkt statt. Erfolgreiche Eingliederung gelingt nur, wenn Unternehmen bereit sind, Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen Perspektiven zu bieten. Dazu gehören der Erhalt oder die Anpassung von Arbeitsplätzen, schrittweise Wiedereinstiege, flexible Arbeitsmodelle sowie der Fokus auf Potenziale statt auf Einschränkungen.
Die IV unterstützt Unternehmen dabei mit verschiedenen Angeboten. Voraussetzung für den Erfolg sind eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, Transparenz und verlässliche Ansprechpersonen auf beiden Seiten.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit weniger Menschen dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden?
Es braucht einen Wandel von einer reaktiven zu einer präventiven Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik. Dazu gehören eine stärkere Früherkennung und frühzeitige Unterstützung, eine engere Zusammenarbeit von Arbeitgebenden, Gesundheitswesen, Sozialversicherungen und Bildungseinrichtungen sowie ein inklusiverer Arbeitsmarkt mit mehr Flexibilität und Offenheit für individuelle Lösungen.
Ebenso wichtig ist die kontinuierliche Weiterentwicklung beruflicher Qualifikationen, damit Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen langfristig im Arbeitsmarkt bleiben können.
Erfolgreiche Eingliederung beginnt nicht erst mit einer IV-Anmeldung, sondern mit frühzeitiger Prävention, koordinierter Unterstützung und einer guten Begleitung.