Wie die Herausforderungen im Gesundheitswesen angegangen werden könnten, zeigt ein englischer Begriff auf: Advanced Practice Nurses, kurz APN. Was genau diese «fortgeschrittenen praxisbezogenen Pflegefachleute» sind und wie die Rettung aussähe und zu finanzieren wäre, diskutierten Expert:innen am Netzwerk-Apéro des Luzerner Forums: nämlich Prof. Luzia Vetter und Dr. med. Luca Emmanuele. Die Einführung hielten Prof. Dorothee Guggisberg und Prof. Jonas Willisegger. Nach der Diskussion verabschiedete das Luzerner Forum den langjährigen Geschäftsführer Hannes Blatter: Ida Glanzmann-Hunkeler und Alain Rogger überreichten ein besonderes Geschenk. Der Apéro gab anschliessend den richtigen Rahmen, um die Diskussionen um die APN angeregt weiterzuführen.
Das neue Gebäude der HSLU
Zunächst zum Ort, an dem dieser Netzwerk-Apéro stattgefunden hat: Das soeben eröffnete neue Gebäude der HSLU an der Walter-von-Moos-Promenade lud schick zur Diskussion. Es war der erste Anlass in dieser grosszügigen und angenehmen Aula.
Begrüssung
Ida Glanzmann-Hunkeler, Präsidentin Luzerner Forum, begrüsste die Gäste, die Stuhlreihen waren bestens besetzt. Sie erinnerte an das Problem mit Hausarzt-Nachfolgen im ländlichen Raum. APN könnten hier die Funktion einer integrierten Versorgung übernehmen. Vielleicht läge sie da falsch, doch sei sie gespannt, ob dieser Abend kläre, inwiefern sie zu viele Hoffnungen auf die APN setze.
Wissenschaft und Praxis
Anschliessend – im Namen der Hochschule am neuen Standort – begrüsste Prof. Dorothee Guggisberg von der HSLU die Gäste. Eindrücklich zeigte sie auf, wie sich alle sechs Departemente der HSLU mit Gesundheit auseinandersetzen und ihre Expertise für Forschung, Ausbildung und Praxis bündeln: Nicht nur Pflegestudiengänge sind im Angebot, auch Studiengänge in Medizintechnik und Lifesciences. Die Forschung werde gefördert, es gebe zwei Stiftungsprofessuren, eine Brückenprofessur. Dies alles zusammen führe zu einer engen Verzahnung von Aus- und Weiterbildung, Forschung, Dienstleistung und Praxis.
Spotlights auf die HSLU-Praxispartner
Prof. Jonas Willisegger, ebenfalls von der HSLU, weist anschliessend darauf hin, dass Gesundheit mehr als Pflege und Medizin sei. Vielmehr bestünde sie auch aus Organisation, sozialer Gestaltung und ökonomischer Steuerung. Als Spotlight zeigt er auf, wie das Departement Wirtschaft gemeinsam mit Praxispartnern einen Kostenrechner für Spitex-Organisationen entwickelt hat, um Transparenz in den Aufwänden herzustellen.
Ein weiteres Spotlight richtete er auf die Forschenden der HSLU, die mit einem Hörgerätehersteller daran arbeiten, dass Hörgeräte erkennen, worauf Hörgeräteträger:innen in einem komplexen Umfeld hören möchten. Ausserdem werde hinsichtlich Parkinson daran geforscht, wie Musik auf Gesundheit und Bewegung wirke.
Fazit: In allen sehr unterschiedlichen Disziplinen fördere die HSLU Inter- und Transdisziplinarität und arbeite in Netzwerken mit Partnern und Auftraggebern. — Nach diesen HSLU-Beiträgen, die bereits das APN-inhärente Thema Inter- und Transdisziplinarität andeuteten, ging es genau dazu weiter.
APN – Critical Thinking
Zum ersten APN-Impulsreferat kam Prof. Luzia Vetter Räss zu Wort. Sie ist Brückenprofessorin an der HSLU, und als Pflegewissenschaftlerin APN arbeitet sie klinisch am Luzerner Kantonsspital in der Anästhesie. Somit brachte sie die Perspektive der Praxis sowie der Ausbildung kompetent ein. Die APN sei keine eierlegende Wollmilchsau, sagte sie und definierte die APN gemäss APN-Schweiz-Verband: Eine Pflegeexpert:in APN ist eine registrierte Pflegefachperson, die auch mindestens einen Master of Science absolviert hat. APN verfügen sowohl über Expertenwissen wie auch über Fähigkeiten zur Entscheidungsfindung bei komplexen Sachverhalten und klinische Kompetenzen für eine erweiterte pflegerische Praxis. APN sind fähig, in unterschiedlichsten Settings vertiefte und erweiterte Rollen zu übernehmen und diese in eigener Verantwortung im interprofessionellen Team auszufüllen.
Wichtig ist Prof. Luzia Vetter Räss der Unterschied von APN als Konzept vs. APN als Rolle. Die beiden häufigsten APN-Rollen seien Clinical Nurse Specialist (CNS) und Nurse Practitioner (NP). Das Tätigkeitsprofil der CNS liege in Leadership, Praxisentwicklung, Ausbildung und Forschung, das Profil der NP in erweiterten klinischen Kompetenzen. Diese Tätigkeiten und Rollen lägen in einem Kontinuum, CNS sei die eine starke Ausprägung, NP die andere. Wie immer diese Ausprägung, im Zentrum der APN stünden die Zertifizierung, die universitäre Ausbildung und die ausgesprochen intensive Fokussierung auf die Patient:innen und ihre Angehörigen. Auch Forschung sei wichtig, Coaching, ethische Entscheidungsfindung. APN führten durch den ganzen Behandlungspfad, sie bildeten eine Brückenrolle als Bindeglied. Als Beispiel nennt Prof. Luzia Vetter Räss die Herzinsuffizienzberatung, die das Luks zusammen mit der HSLU aufbauen will.
Die Zukunft der APN ergäbe sich aus den Bedürfnissen des Spitals, zum Beispiel Nach- und Weiterbehandlung, Prävention, Edukation, Einbezug der Angehörigen. Hinsichtlich ambulantem Setting gehe es um Prävention von Spitaleintritten wie ambulante Sprechstunden in Hausarztpraxen. Da kämen zwei wichtige Begriffe in Spiel: Task Shifting und Task Sharing, also die Frage, ob Ärzt:innen gewisse Aufgaben abgeben würden oder ob man diese Aufgaben gemeinsam erledigt.
Als entscheidende Kernkompetenz der APN nannte Prof. Luzia Vetter Räss das sogenannte Critical Thinking. Das bedeute: Situationen zu reflektieren, zur Entscheidungsfindung beizutragen, über bestimmte Skills zu verfügen, zum Beispiel Analysefähigkeiten, sowie eine bestimmte Haltung einzunehmen, zum Beispiel Integrität, Neugier.
Die Finanzierung
Und wie lässt sich das finanzieren? Dazu das Impuls-Referat von Dr. med. und MBA Luca Emmanuele, Leiter Einkaufsmanagement Leistungen, CSS Versicherung. Traditionell sei das Rollenverständnis durchwegs horizontal. APN brächten jedoch eine vertikale Vernetzung, und da gebe es noch keine Verbindlichkeit: Verantwortung könne man nicht teilen, so das traditionelle Verständnis.
Der Handlungsbedarf – und die deswegen geschaffene Ausbildung und Rolle der APN – fordere dieses Verständnis jedoch heraus. Kurz angerissen, bestehe dieser Handlungsbedarf in der Alterung, in der Komplexität der Fälle, chronischen Erkrankungen und dem Fachkräftemangel. Ausserdem würden wir in starren Behandlungs- und Tarifsilos leben. Auch auf die Individualität der Behandlungswünsche und der Bedürfnisse von Patient:innen und ihren Angehörigen kann kaum eingegangen werden.
Nötig sei ein Übergang vom Hausarztmodell zum koordinierten Versorgungsmodell. Es gelte, traditionelle Rollenverständnisse zu überwinden und die Finanzierung aktiv mitzugestalten und dazu die erweiterten Möglichkeiten mit einzubeziehen: neue Rollen, KI, alternative Formen der Abgeltung. Dr. Luca Emmanuele erläuterte dazu, welche Initiative sein Arbeitgeber bereits ergriffen habe, namentlich die vertikal integrierten Versorgungen in Morges sowie im Jura, Biel, Tessin und Appenzell. Diese Erfolge zeigten, dass es sinnvoll sei, neue Rollenbilder einzuführen, zum Beispiel die APN als Koordinator:innen. Sie organisierten die benötigten Leistungen, unterrichteten bei Bedarf über weitere Angebote. Anhand der Daten wisse man, welche Patient:innen in einem Zustand seien, dass sie notfallmässig versorgt werden müssten. Da könnten die speziell ausgebildeten APN als erste Anlaufstelle wirken. Das sei jedoch nicht alles.
Gezeigt habe sich nämlich: Es brauche auch die Fähigkeit der Partner zur Zusammenarbeit. Diese Fähigkeit müsse entwickelt und moderiert werden. Zur Finanzierung benötige es also ein neues Rollenverständnis und keine fixen, von Managern entwickelte Produkte, sondern den Blick auf den Markt und seine innovativen Versorgungslösungen. Dazu kämen die Suche nach Partnern mit entsprechenden Versorgungskonzepten sowie die gemeinsame Weiterentwicklung dieser Konzepte zu tragfähigen, flexiblen Produkten, die die regionalen Versorgungsmodelle integrierten. Änderungen im KVG, so Dr. med. Luca Emmanuele, brauche es nicht. Die Frage sei nur, ob all die Möglichkeiten genutzt würden.
Diskussion
Gewohnt frisch und direkt moderierte Hannes Blatter, Geschäftsführer des Luzerner Forums, die Diskussion, zunächst zwischen den Referent:innen. Die anfänglich zögernden Gäste motivierte Hannes Blatter zu schliesslich rege gestellten, erkenntnisbringenden Fragen.
Hoi Laura, ciao Hannes
Es war Zeit, die neue Geschäftsführerin vorzustellen und dem langjährigen Geschäftsführer zu danken. Präsidentin Ida Glanzmann-Hunkeler gab Laura Kopp das Wort, die die Geschäftsführung per 1. April 2026 übernimmt und sich jetzt vorstellte – nicht nur als Kommunikationsspezialistin, sondern auch als Bier-Sommelière. Was vielleicht, sagte sie, nicht sehr zum Thema Gesundheit passe, sie gebe aber gerne auch zu alkoholfreien Bieren Auskunft.
Ida Glanzmann-Hunkeler verdankte zusammen mit Vizepräsident Alain Rogger die Arbeit des Geschäftsführers Hannes Blatter, der seit 2012 die Geschäfte des Luzerner Forums führte. Sie erwähnten besonders die Klarheit von Hannes Blatter, seine Ruhe und fachliche Tiefe sowie die grosse Fähigkeit als Brückenbauer. Im Wissen um sein musikalisches Hobby als Bass-Gitarrist der Band Jolly and the Flytrap und als Verwaltungsratspräsident des Musik- und Kultur-Gasthauses Grünenwald schenkten Ida Glanzmann-Hunkeler und Alain Rogger eine Stimmgabel und einen Gutschein für einen Aufenthalt in besagtem Gasthaus. Da könne er gerne einen Song für das Forum komponieren. Gerührt übernahm Hannes Blatter das Wort, bedankte sich für die Zusammenarbeit während all der Jahre, auch dafür, dass ihm «eine lange Leine» gelassen wurde – und vor allem für die wertvollen Diskussionen und den Austausch. Das mache auch das Luzerner Forum aus: Argumente zählten, man höre sich zu, mit Respekt und Sympathie. Anschliessend, zum ersten Mal verspätet, ging es zum Apéro riche, für den es der HSLU herzlich zu danken gilt.
Photos der Veranstaltung
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Video der Veranstaltung
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Übersicht
Datum und Zeit
Mittwoch, 18. März 2026
17.30 bis 18.45 Uhr mit anschliessendem Apéro riche
Programm
| 17:30 | Ida Glanzmann-Hunkeler, Präsidentin Luzerner Forum: Begrüssung |
| 17:35 | Einführung in das Thema: Prof. Dorothee Guggisberg & Prof. Jonas Willisegger |
| 17:45 | Die Perspektive der Praxis und der Ausbildung: Luzia Vetter Räss, Brückenprofessur Pflege HSLU-LUKS |
| 18:00 | Die Perspektive der Finanzierer: Dr. med Luca Emmanuele, Leiter Einkaufsmanagement Leistungen, CSS Versicherung |
| 18:15 | Austausch und Diskussion, moderiert von Hannes Blatter, Geschäftsführung Luzerner Forum |
| 18:45 | Ende der Veranstaltung und Apéro riche im Anschluss |
Teilnehmende
Prof. Luzia Vetter Räss
Klinische Pflegewissenschaftlerin Advanced Practice Nurse (APN) Anästhesie, Luzerner Kantonsspital
Brückenprofessorin für Pflege HSLU-LUKS
Dr. med Luca Emmanuele, MBA
Leiter Einkaufsmanagement, Mitglied der Direktion, CSS Versicherung
Mitglied Verwaltungsrat Swiss DRG AG
Moderation
Hannes Blatter
Geschäftsführer Luzerner Forum
Veranstaltungsort
Hochschule Luzern - Soziale Arbeit und Wirtschaft
Aula
Walter-von Moos-Promenade 1
6002 Luzern