Die Digitalisierung verändert auch die berufliche Vorsorge. Neue Technologien und digitale Standards versprechen einfachere Prozesse, einen effizienteren Datenaustausch und mehr Transparenz für Versicherte, Arbeitgeber und Vorsorgeeinrichtungen. Doch wie weit ist die zweite Säule auf diesem Weg bereits fortgeschritten? Und welche Hürden sind noch zu überwinden? Das Luzerner Forum hat bei Roman Senti, Leiter IT der Auffangeinrichtung BVG, nachgefragt.
Die berufliche Vorsorge gilt oft als komplex und administrativ aufwendig. Wo steht die zweite Säule heute bei der Digitalisierung?
Die Landschaft der beruflichen Vorsorge ist sehr heterogen. Neben grossen Versicherungen gibt es Sammeleinrichtungen sowie kleine, firmeneigene Pensionskassen. Die Unterschiede betreffen nicht nur die jeweilige Struktur, sondern auch die Ausgestaltung der Vorsorgepläne. In Kombination mit den gesetzlichen Anforderungen wird das sehr komplex. Trotzdem zeigt sich die zweite Säule als robustes und anpassungsfähiges System. Dies wird bei der Digitalisierung sichtbar: Bereits heute bestehen zahlreiche Initiativen zum Datenaustausch – sowohl zwischen Arbeitgebern und Vorsorgeeinrichtungen als auch zwischen den Einrichtungen untereinander. Weitere Schritte sind insbesondere bei der Standardisierung des digitalen Austauschs zwischen Vorsorgeeinrichtungen und ihren Versicherten nötig.
Wo gibt es Potenziale in der Digitalisierung?
Zwischen Arbeitgebern und Vorsorgeeinrichtungen steht mit Swissdec eine leistungsfähige Infrastruktur zur Verfügung. Derzeit wird geprüft, ob deren Nutzung durch die Einbindung des Sicherheitsfonds BVG und der Stiftung Auffangeinrichtung BVG weiter ausgebaut werden kann. Der Datenaustausch zwischen Vorsorgeeinrichtungen ist bereits weit fortgeschritten: Rund zwei Drittel der Versicherten sind über ihre Kasse an BVG Exchange oder EASX angeschlossen. Weiteres Potenzial besteht im digitalen Austausch zwischen Vorsorgeeinrichtungen und ihren Versicherten. Im Vordergrund stehen dabei eine höhere Transparenz, standardisierte Prozesse, verständliche Informationen sowie ein hoher Datenschutz. Ein wichtiger Treiber in der Digitalisierung sind die im Verein bvg-digital zusammengeschlossenen Softwarehersteller.
Viele Versicherte wissen nur wenig über ihre tatsächliche Vorsorgesituation. Kann Open Pension dazu beitragen, die zweite Säule verständlicher und transparenter zu machen?
Durch den digitalen Zugang zu den Daten kann die Verständlichkeit und die Transparenz in der 2. Säule verbessert werden. Idealerweise werden die Informationen so aufbereitet, dass sie die versicherte Person auch dann erreichen, wenn kein aktives Interesse besteht. Der digitale Vorsorgeausweis ist ein erster Schritt in diese Richtung. Er stellt eine Form der Standardisierung von Vorsorgeinformationen dar. Da sich die individuelle finanzielle Situation aus dem Zusammenspiel aller Säulen sowie weiteren Faktoren - wie z. B. der Wohnsituation - ergibt sollte die Vorsorge immer ganzheitlich betrachtet werden. Eine unabhängige Beratung kann dabei wertvolle Unterstützung bieten.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen auf dem Weg zu einer durchgängig digitalen 2. Säule?
Die Digitalisierung allein ist nicht die grösste Herausforderung. Entscheidend ist die Entwicklung eines gemeinsamen Standards, der von allen relevanten Akteuren getragen und konsequent umgesetzt wird. Die grosse Heterogenität in der zweiten Säule erschwert dieses Vorhaben. Umso wichtiger ist es, ein gemeinsames Verständnis von Datenqualität, Schnittstellen und Governance zu etablieren und verbindlich zu verankern.